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Vermischtes
»Hätte gerne weitergemacht«
Ortenau
(tho). Für Parolen wie »Für immer wegsperren« oder »Kurzen
Prozess machen« hat Monika Wittke aus Kehl-Leutesheim kein
Verständnis. Seit 2005 ist die 66-jährige Bauzeichnerin im
Ruhestand ehrenamtlich als Schöffin am Landgericht Offenburg
tätig, sitzt neben Richtern und verantwortet Urteile mit.
Die Arbeit der Strafkammern hat sie in rund 25 Fällen erlebt.
Der spektakulärste war der Prozess um den Mord im Offenburger
Wettbüro Tipico. »Ich war entsetzt, wie ein 22-Jähriger mit
einem Abitur von 1,4 sich in so eine Situation begeben kann«,
sagte Monika Wittke gegenüber der Mittelbadischen Presse.
Der Angeklagte wurde im November zu lebenslänglich verurteilt.
Die 1. Schwurgerichtskammer sah es als erwiesen an, dass er
wegen Wettschulden in Höhe von 7500 Euro am 27. Februar 2012
eine Kollegin erschlagen hat.
Während Berufsrichter einen Prozess nach dem Gesetz abarbeiten,
urteilen Schöffen nach menschlichen Aspekten. Sie kennen nur die
Anklageschriften, aber nicht die Akten und die Paragraphen.
Ehrenamtliche am Richtertisch erleben einen Prozess wie
Beobachter im Saal. Das stört Monika Wittke nicht: »Ein Richter
hat nicht umsonst studiert. Wir Schöffen hören, was er als
Jurist sagt, aber wir gehen nach dem Bauchgefühl. Und dann wird
auch intensiv diskutiert.«
»Minutiös geplant«
Den Angeklagten im Fall Tipico bezeichnet sie als dreist. Er
habe alles minutiös geplant, grausam getötet und viel Leid über
die Familie des Opfers gebracht. Andererseits sieht die Schöffin
das schwierige Verhältnis zu seinem Vater: »Er wollte ihm immer
beweisen, wie toll er ist, wie viel Geld er verdient.
Andererseits konnte er Miete und Strom nicht bezahlen, hat
Ratenkredite abgeschlossen. Dabei wohnte sein Vater doch in der
Wohnung seines Sohnes. Und der soll nichts mitbekommen haben?«
Bauchgefühl eben. »Ich habe auch drei erwachsene Kinder. Die
sind längst aus dem Haus: Aber wir wissen voneinander, was los
ist.« Monika Wittke ist glücklich, dass ihre Familie
funktioniert. Am Richtertisch erlebt sie aber, dass Straftäter
meist aus einem nicht intakten Elternhaus kommen.
Als Beispiel nennt sie den Fall einer Mutter, die vier bis fünf
Kinder von unterschiedlichen Vätern hatte: »Der letzte hatte
sich ins Ausland abgesetzt und den jüngsten Sohn als Marokkaner
angemeldet.« In der Ortenau brach dieser die Lehre ab, wurde
straffällig. Es ging um die Frage der Abschiebung. »Aber er war
doch noch nie in Marokko. Es geht doch nicht, dass wir ihn
abschieben«, hatte Monika Wittke argumentiert. Denn an sich sei
er ein gutmütiger Kerl: »Aber er hatte vom Tag seiner Geburt
keine Chance.« Sie hätte gerne eine dritte Amtszeit als Schöffin
in Offenburg gehabt. Doch der Gesetzgeber sieht nur zwei vor.
»So gerne ich weitergemacht hätte, so empfehle ich es anderen
Menschen, einmal Schöffe zu werden.«
Am Anfang war es eine Herausforderung, in die Monika Wittke –
wie sie sagt – aber hineinwachsen ist. Menschlich habe sie die
Tätigkeit nach vorne gebracht: »In der Zeitung liest man
vielleicht die Überschrift und den Bericht. Für mich aber war es
eine große Erfahrung, dahinter sehen zu können. Ich kann allen
nur Mut machen, dieses Amt anzunehmen.«
Quelle: Ortenau/Mittelbadische Presse

Foto: Uli Marx/Mittelbadische
Presse
Monika Wittke ist
Schöffin, also ehrenamtliche Laienrichterin am Offenburger
Landgericht. Nach zwei Amtszeiten muss sie aufhören. Sie
empfiehlt jedem, der von der Gemeinde vorgeschlagen wird, das
Amt anzunehmen.
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