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LeutesheimLife

Von Rathausgeschichten und Jagdtrophäen:
»Ich bin und bliib ä echter Wiidekopf«

Von Gerd Birsner

Kehl-Leutesheim. Wenn einer wie de »Borgward-Guschd« mit Familiennamen Karch heißt, weiß der eingefleischte Hanauer sofort: »Aha! Ein Litzemer«. In Leutesheim gibt es neben etlichen Hummels Karchs wie Sand am Meer. Ein ganz besonders prächtiges Karch-Exemplar ist August Karch, de Karche-Guscht – Pardon, all ihr anderen Karchs in Litze.

Geboren wurde er am Neujahrstag 1928 als Sohn eines »Iisebähnlers« in Leutesheim. Sein Vater war beamteter Lokomotivführer bei der MEG. Und eingefleischter Sozialdemokrat.

Das war zu jenen Zeiten nicht immer einfach: »Ich will nicht schuld sein, dass aus dir nichts wird«, hatte Papa Karch befürchtet. Zu Unrecht. Ein August Karch war, ist und bleibt selbst bei der Litzemer Karch-Flut einfach nur einzigartig.

Heute wohnt de Karche-Guscht in jenem gut gepflegten Haus in der Litzemer Ortenaustraße, das sein Vater höchstselbst erbaut hatte.

»Achtung – bissiger Hund!« warnt ein Schild – aber freilich nur vor Arco, dem betagten, aber immer noch äußerst drahtigen Jagdhund mit den großen, rehbraunen Augen, der eigenpfotig
jede Tür öffnen kann und dann ganz arg lieb, als ob nichts gewesen wäre, mit treuem Dackelblick dreinschaut.

Oben, im zweiten Stock, hängen die diversen beeindruckenden
Jagdtrophäen des passionierten Jägers: eine Armada an Zeugen, dass der Guscht so manchen kapitalen Bock geschossen hatte. Ausgestopftes heimisches Getier und ein Fell, das er einer kapitalen Wildsau über die Ohren gezogen hatte. Weidmannsheil!

Ebenfalls im Überfluss hängen hier Zeugen eines äußerst schaffigen Lebens: das Bundesverdienstkreuz, das man ihm am 9. April 1999 an die stolz geschwellte Karcheguscht-Brust geheftet hatte, die Ernennung zum Ehren-Kreisjägermeister.

Rot scheint immer noch seine
Lieblingsfarbe zu sein: August
Karch heute.

August Karch ist Ehrenmitglied der örtlichen Vereine, und eine weitere schmucke Urkunde kündet von seiner 32-jährigen Tätigkeit – von 1967 bis 1999 – als Bürgermeister und, bedingt durch die Kreisreform, ab 1975 hauptamtlicher und später dann ehrenamtlicher Ortsvorsteher von Leutesheim. Nebenbei war er noch im Verwaltungsrat der Sparkasse, Kreisjägermeister und, und, und…

Else Kimmer, die er 1956 durch Heirat zu Else Karch gemacht hatte, hatte nicht viel von ihrem Guscht: »An seine vielen Ämter hab ich mich gewöhnt. Manchmal musste er auf dem Weg von Sitzung zu Sitzung am Tag dreimal das Hemd wechseln. Des war sellemols für ihn, aber auch für mich eine sehr unruhige Zeit.«

Er nickt, der Guscht. »Politik machen ist die Kunst des Möglichen«. Dazu klopft er mit seinem Zeigefinger heftig auf den Gute-Stube-Tisch, auf dass es auch der letzte Politik-Uninteressierte versteht.

Nach der Schule hatte er Speditionskaufmann bei der Firma Rhenus in Kehl gelernt.

»Eigentlich wollte ich auf die höhere Handelsschule, aber es war Krieg. Da hieß es schnell einen Beruf lernen.« Nach dem Krieg blieb er innerorts: Bei der Firma Jaeniche im Büro. Die war damals aktiv in der Rohtabakvergärung. Anfang der 50er Jahre machte er sich selbstständig in Sachen Landhandel und Güternahverkehr.

Im Borgward kutschierte er damals durchs Hanauerland – daher auch der Spitzname derjenigen, die sich an jene Zeiten noch bestens erinnern.

1956 ging er zur Staatsbrauerei Rothaus und übernahm in Kehl das Depot für die Bezirke Kehl, Lahr und Offenburg. Elf Jahre später wurde er in den Leutesheimer Gemeinderat gewählt. Ab 1967 trat er in die Fußstapfen von Litzes Alt-Bürgermeister Wilhelm Heidt.

Bald war er weit über den dörflichen Tellerrand hinaus geachtet und wurde kraft seines Seins letztlich sogar Fraktionsvorsitzender der »roten Socken« im Kreistag. Der rote Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm(baum), und »Litze war schon etwas roter als der Rest des Hanauerlands. Eine kleine sozialdemokratische Hochburg«, so der Karche-Guschd, der wirbelwindige Tausendsassa und sozial denkende Hans-Dampf in allen nur erdenklichen Vereins-, Politik-, Gremium- und Jägergassen.

Wenn der Karche-Guschd mal gegen etwas war, missachtete er seine ihm angeborene Hanauer Dickschäddeligkeit und befleißigte sich einer europaratsreifen Diplomatie: Er stellte sich immer etwas dümmer als er war, der Blitzgescheite: »Also wissener, ich bin vum Dorf, ich hab des net so ganz begriffe, wie ihr des meine un ich denk, ma könnt des au andersch sehe…«

Klar, dass so einer wie er auch Vorsitzender der inzwischen nicht mehr existierenden Bürgermeistervereinigung Kehl-Hanauerland war.

Eindrucksvoll und beeindruckend: er ist dies- und jenseits des Rheins in Erinnerung geblieben: Eine Abordnung elsässischer Alt- und Noch-Bürgermeister hatte ihn kürzlich besucht, nachdem ihnen zu Ohren kam, dass es ihm gesundheitlich nicht mehr ganz so gut geht. Nach seinem Schlaganfall kurz nach seinem 80. Geburtstag war es vorbei mit seinen Hyperaktivitäten.

Aber davon hat er sich einigermaßen erholt, und er freut sich, wenn der SV Leutesheim gewinnt und die Musik spielt, der Gesangsverein singt. Bei fast allen Dorffesten ist er wieder dabei und – »ich bin stolz, wenn sie ebbs räächts bringe«.

»D’Kehler Zittung les ich jeden Tag – so intensiv, dass ich se faschd usswenig kenn«. Seine Beweglichkeit hat er verloren, aber eins ist ihm geblieben: »Miner Litzemer Dialekt. Ich bin und bliib halt en echter Wiiedekopf.«


August Karch
1. Januar 1928 in Leutesheim geboren. 1942 Konfirmation und Schulabschluss in Leutesheim, danach Lehre zum Speditionskaufmann. Anfang der 50er Jahre selbstständiger Landhandel.
1956 Heirat und Wechsel zur Staatsbrauerei Rothaus. 1965 Wahl in den Gemeinderat und von 1967 bis 1999 Rathaus-Chef von Litze. 1999 Bundesverdienstkreuz. Ab 2000 im Ruhestand.




Fotos: Archiv/Gerd Birsner

Ein echter Hans-Dampf in allen Vereins-, Kommunalpolitik- und Jägergassen: August Karch, Ende der 60er Jahre, vor seinem »Amtssitz«, dem Rathaus in Leutesheim.



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Aktives Dorf Leutesheim, April 2012