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Vermischtes
Stolperpfad statt Datenrennbahn -
Ortenaukreis auf der Kriechspur ins Internet
von Klaus Körnich
Quelle: baden-online.de
Ortenau. Wenn Thomas Bohnerts Tochter für ihre Hausaufgaben ins Internet
muss, wird dem Familienvater aus Ottenhöfen mulmig zumute: »Sie setzt sich an
den Rechner und der Gebührenzähler fängt an zu ticken.« Bohnerts Haushalt gehört
zu jenen in der Ortenau, die keinen Zugang zu schnellen DSL- und
Breitbandverbindungen haben. »Ein Gefühl wie in der digitalen Steinzeit«, sagt
die Mitarbeiterin einer kleinen Firma in Sasbachwalden und rechnet nach: »Wir
zahlen 200 bis 300 Euro im Monat für unsere lahme ISDN-Verbindung. Woanders
bekommen die Leute die DSL-Flatrate für unter 30 Euro hinterhergeworfen.«
Deutschland im August 2008: E-Mails haben einen Großteil der Briefkorrespondenz
ersetzt. Firmen weisen nur noch auf ihre Webadresse hin statt Infobroschüren
anzubieten; die Menschen kaufen, zocken, flirten online. Die ganze Welt genießt
offenbar den digitalen Geschwindigkeitsrausch. Die ganze Welt? Nein, denn in
weiten Teilen der Ortenau gleicht die Datenautobahn einem Stolperpfad.
Schmalspur-Internet im Schneckentempo statt digitaler Revolution, heißt hier das
Motto, notgedrungen.
Nur jede dritte Gemeinde in der Region fühlt sich »bestens versorgt« mit
Breitband-Internet, wie eine Umfrage der Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau
(WRO) in Zusammenarbeit mit der Mittelbadischen Presse zeigt (siehe rechts).
Experten sprechen schon lange von der »digitalen Spaltung« Deutschlands.
Grund: Für die großen Breitbandanbieter sind die dünn besiedelten ländlichen
Gebiete schlicht unrentabel. Seit der Privatisierung der Telekom müsse nach
Angaben des Konzerns eine konsequente Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt werden.
Die Telekom – beziehungsweise deren Tochter T-Com – verweist darauf, dass
zusätzliche Knotenpunkte errichtet werden müssten, um eine schnelle Leitung ins
Internet zu bekommen. Das Problem: Diese Knotenpunkte kosten Geld, das die
Anbieter nicht ohne weiteres investieren. Die Telefon-Knotenpunkte können eine
DSL-Versorgung im Umkreis von gut vier Kilometern gewährleisten, für weitere
Strecken ist die Dämpfung zu schwach. Auf der Strecke bleiben vor allem die
Internet-User auf dem Land.
Was bedeutet das in der Praxis? Abwarten und Kaffee trinken, ist in Orten wie
Sasbachwalden immer wieder zu hören. »Jetzt sitze ich schon seit zwei Stunden
vor dem Rechner, weil ich die Dateien und mehrere Bilder herunterladen will, die
mir ein Kunde geschickt hat«, ärgert sich Harry Lucas. Der Mann sitzt in seinem
Büro auf dem Hagenberg in Sasbachwalden mit herrlichem Blick auf Straßburg –
fünf Kilometer vom Ortskern entfernt, weit weg vom nächsten Knotenpunkt der
Telekom – zu weit weg, wie der 69-Jährige findet: »Ich bin von der technischen
Entwicklung abgehängt worden. Dabei ist eine schnelle Internetverbindung
lebensnotwendig für mich.« Lucas verkauft von Sasbachwalden aus Textilmaschinen
in ganz Süddeutschland. Seine Firma baut die Geräte in Schleswig-Holstein und
vertreibt sie in Europa, Asien, Australien und Südamerika. Nicht nur die
Maschinen sind weltweit im Einsatz, auch die Vertriebsleute, Monteure und
Servicekräfte. Ob neue Angebote oder die Abwicklung von Reparaturen: Die
Kontakte zum Kunden laufen virtuell. Das Internet als Geschäftsgrundlage. Ein
Albtraum für Harry Lucas in Sasbachwalden: »Wenn ich selbst etwas hochladen
will, kann ich auch gleich ins Bett gehen, morgen früh ist es dann fertig«,
schimpft er.
Vom schnellen Netz träumt nachts auch Paris Frost, Geschäftsführer einer Firma
in Sasbach, die weltweit Brillen verkauft: »Als wir vor vier Jahren in das
moderne Gewerbegebiet gezogen sind, haben wir darauf vertraut, dass es hier eine
vernünftige Internet-Anbindung gibt«, sagt der Brillen-Designer. Doch schnell
kam das böse Erwachen: Statt eines DSL-Turbo nur lahme 700 Kilobit. Es folgte
ein jahrelanger Kampf um mehr Bits, Anfrage um Anfrage bei den Anbietern –
vergeblich: »Die Verbitterung und Enttäuschung ist groß. Wir fühlen uns
vernachlässigt – von der Telekom und der Politik«, sagt Frost mit resignativem
Unterton.
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit trifft sogar Unternehmen in den Städten,
vornehmlich in den Außenbezirken. »Durch unsere langsame Internet-Verbindung
ging uns schon das eine oder andere Geschäft flöten«, klagt Mike Deichelbohrer,
Betriebsleiter einer Transportfirma aus Achern-Großweier. Das Unternehmen
bezieht seine Aufträge unter anderem übers Internet. In der virtuellen
Frachtenbörse geht es um Schnelligkeit: Wer als Erster »zuschlägt«, bekommt den
Auftrag. Die Folge: Die Lastwagen der Firma sind schon mehrmals ohne Fracht
zurück nach Achern gefahren.
»Der Breitbandanschluss ist die Autobahn des 21. Jahrhunderts«, sagt Dominik
Fehringer, Referent für Wirtschaftsförderung und Standortmarketing bei der WRO.
Durch fehlendes Breitband hätten die Gemeinden einen Standortnachteil, den sie
nicht länger hinnehmen könnten: »Im sich zunehmend verschärfenden Wettbewerb der
Kommunen um Unternehmen und junge Familien sind Breitband und Glasfaser-Netze
ein wichtiges Entscheidungs-Kriterium für die Wahl eines Wohnorts oder einer
Firmengründung.«
Erst fragen junge Familien nach Kinderbetreuung, dann nach schnellem Internet,
bestätigten etliche Bürgermeister. Hinter vorgehaltener Hand erzählen zwei
Rathaus-Chefs von jungen Paaren und Familien, die gerne zu ihnen ins Dorf
gezogen wären. Nachdem sie jedoch von der lahmen Leitung erfahren hätten, sei
umgehend der »Rückzieher« gekommen. »Wenn sie heutzutage ein Neubaugebiet ohne
DSL erschließen, dann kauft ihnen keiner Bauland ab«, erklärt Durbachs
Bürgermeister Toni Vetrano.
Der Druck nimmt zu – auf die Schultes in den unterversorgten Gebieten. Der
Mittelstand kann sich keine teure Datenübertragung per Satellit leisten und
schneckt sich weiter durchs Internet, Privatleute und Familien sind genervt und
die Breitbandanbieter selbst winken dankend ab: »Das rechnet sich nicht«, lautet
der Standardspruch für die Nachfrage auf dem Land.
Und so suchen Ortenauer Bürgermeister bereits fieberhaft nach
Alternativ-Lösungen zum gängigen Breitband-DSL. Einige technische Entwicklungen
lassen sie hoffen. Auch, wenn es nicht die eine Lösung für jede unterversorgte
Gemeinde gibt: Die Zahl der Alternativen nimmt zu, die Kommunen suchen nach
ihrem eigenen Weg ins Netz, mancherorts herrscht so etwas wie Aufbruchstimmung
(siehe Artikel: »Kommunen kämpfen ums Turbo-Internet«). Gesucht wird: Eine neue
Auffahrt zur Datenautobahn – ohne Kriechspur und Stolperpfad.
Hintergrund: Kommunen kämpfen ums Turbo-Internet
Ortenau. »Der ländliche Raum wird in vielen Bereichen abgehängt«, sagt Seebachs
Bürgermeister Reinhard Schmälzle. Während in Ballungsräumen die sogenannte
»Digital Subscriber Line« (DSL) Datenübertragungen von bis zu 32 Megabite
möglich macht, müssen die Seebacher maximal mit der Schmalspurversion »DSL
light« vorliebnehmen, viele surfen noch mit Modem auf der Kriechspur durchs
Internet. »Glasfaserkabel hätten wir finanziell nicht hinbekommen, Leerrohre
haben wir nicht liegen, das Angebot der Telekom war für uns nicht
erschwinglich«, erklärt Rathaus-Chef Reinhard Schmälzle. Doch deshalb zu
resignieren war seine Sache nicht.
Zumal immer mehr Seebacher eine Auffahrt zur Datenautobahn forderten. Und
tatsächlich: Bald ist Schluss mit der Breitband-Wüste
Seebach. Derzeit wird in der kleinsten Ortenau-Gemeinde ein WLAN-Funknetz
(Wireless Local Area Network) installiert. Das Prinzip des »kabellosen, lokalen
Netzes«: Die Sendestation stellt vom Glasfaserkabel eine »Funkbrücke« zur
Gemeinde her. Über eine Antenne, die am Dach jedes Kunden montiert wird, kommt
das schnelle Internet ins Haus. Inzwischen wollen bereits mehr als 80 Seebacher
per moderner Funktechnologie ins Netz gehen.
Statt der Breitband-Riesen Telekom und Kabel BW sorgt der regionale Anbieter
Regiobits aus Offenburg für eine maßgeschneiderte Lösung in Seebach. Die Kosten
von 18 500 Euro für die Sendeanlage waren für die Gemeinde erschwinglich; die 50
Kunden, die zum Start erforderlich sind, kein Problem. Die Offenburger Firma
hatte vor drei Jahren bereits ein Pilotprojekt unter anderem in Schutterwald
gestartet, eine weitere Sendeanlage steht bereits in Offenburg-Zunsweier:
»Weitere Ortenauer Gemeinden haben Interesse signalisiert, zudem gibt es
Anfragen aus ganz Baden-Württemberg«, teilt Geschäftsführer Reinhard Kippel auf
Anfrage der Mittelbadischen Presse mit. In einer von der Wirtschaftsregion
Offenburg/Ortenau in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie hatten Experten des
Offenburger Steinbeis-Transferzentrums die Technik uneingeschränkt empfehlen
können – auch für andere »DSL-freie« Gebiete.
Auf eine weitere Funktechnologie setzt der Willstätter Ortsteil Legelshurst.
UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) statt DSL ist hier die Devise.
Auf dem Kirchturm des Ortes ist eine Mobilfunkanlage installiert worden: So
haben die 2300 Einwohner und 120 Betriebe in Legelshurst seit Februar freie
Fahrt auf der Datenautobahn. Ein Vorzeigeprojekt der Landesregierung, denn
bislang gab es nur in Ballungsräumen einen entsprechenden Ausbau des
UMTS-Mobilfunknetzes, das auch den schnellen Zugang zum Internet ermöglicht. Für
Willstätts Bürgermeister Marco Steffens ist das Projekt ein Schritt auf dem Weg
zu mehr Chancengleichheit: Schließlich gehörten »gleichwertige
Lebensverhältnisse« zwischen Stadt und Land zu den zentralen Leitvorstellungen
des Grundgesetzes, argumentiert Marco Steffens.
Im Ringen um dieses – nicht nur virtuelle – Grundrecht ist mitunter Kreativität
gefragt. Beispiel: Sasbachwalden. Das ehemalige Staats-unternehmen Telekom
wollte sich dort nur dann engagieren, wenn 800 DSL-Kunden garantiert gewesen
wären: »Für jeden Kunden weniger hätte die Gemeinde 500 Euro zahlen müssen«,
erklärt Bürgermeister Valentin Doll. Im schlimmsten Fall hätte das den Ort am
Westhang der Hornisgrinde eine halbe Million Euro gekostet. Eine WLAN-Lösung
scheiterte nach Angaben Dolls an der schwierigen Topografie der Gemeinde mit
zwei Seitentälern.
Jetzt will der Rathaus-Chef einen unkonventionellen Weg gehen, um seinen Bürgern
den Anschluss an die Datenautobahn zu ermöglichen. Die Glasfaserkabel sollen in
Abwasserkanäle gelegt werden. Zudem will Doll die Leitungsmasten der Gemeinde
nutzen, um daran ein Glasfasernetz zu installieren. »Dieses Modell ist
bundesweit einzigartig«, sagt Doll. Für eine Machbarkeitsstudie sind 27 000 Euro
aus dem Fördertopf des Landes beantragt.
Vor einem Jahr hatte die Landesregierung grünes Licht für ihr »Impulsprogramm
Breitband« gegeben. Das Ministerium für Ländlichen Raum stellt im laufenden und
kommenden Jahr insgesamt 20 Millionen Euro für den Ausbau mit schnellem Internet
zur Verfügung, weitere zwei Millionen Euro kommen vom Bund. Gefördert werden
sollen Modellprojekte und das Verlegen von Leerrohren, zudem soll es Zuschüsse
an Netzbetreiber zur »Schließung der Wirtschaftlichkeitslücke« geben, teilt das
Ministerium mit.
In Gesprächen mit den Bürgermeistern stellt sich immer wieder heraus, dass es
sich für unterversorgte Kommunen lohnt, für eine bessere DSL-Anbindung zu
kämpfen. So krochen die Durbacher bislang zum größten Teil mit maximal 384
Kilobit pro Sekunde durchs Netz – deutlich zu wenig, fanden mehr als 250 Bürger,
die sich in einer Umfrage für einen schnelleren Netz-Anschluss engagiert hatten.
Das Ergebnis: Die Telekom bewegt sich. In den nächsten Wochen wird die
Breitbandversorgung in Durbach ausgebaut – über Glasfaserkabel und mit Hilfe
einer neuen Technik. Die Gemeinde beteiligt sich an den Investitions-kosten mit
maximal 20 000 Euro. So sind bald bis zu 16 Megabits pro Sekunde möglich –
Geschwindigkeiten, von denen die Durbacher bislang nur träumen konnten.
Ebenso wie die Einwohner von Kehl-Leutesheim. Hier haben sich
inzwischen schon 450 Bürger in einer Unterschriftenaktion für eine schnellere
Internet-Verbindung ausgesprochen. So soll der Druck auf die Netzanbieter erhöht
werden. Denn auch die Leutesheimer wollen eine Auffahrt zur Datenautobahn.

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