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Musikverein Leutesheim
Auf berauschendem Niveau
musiziert...
Was will man viel
anderes sagen als »Bravo«? Denn im Grunde ist der Hörer
sprachlos, einfach nur begeistert und angetan von der Leistung
eines Blasorchesters, das eigensinnig darauf besteht, eine
Dorfkapelle zu sein.
Beim Winterkonzert des Musikvereins Harmonie Leutesheim am
Samstag sprengte Dieter Baran mit seinen rund 80 Musikerinnen
und Musikern einmal mehr diese eingrenzende Vorstellung und
musizierte auf einem berauschenden Niveau allen Dorf- und
Stadtkapellen davon. Einen Streifzug durch die Kulturen der Welt
und durch die musikalischen Stile der Gegenwart hatte Dieter
Baran vorbereitet und mit dem Orchester bis in kleinste Detail
ausgearbeitet. Für ihn selbst darin ein besonderes Anliegen:
aufmerksam machen auf die verbindende und Frieden stiftende
Kraft der Musik, werben für Toleranz, Frieden und Gerechtigkeit
in einer gefährdeten Welt.
»Fanfare« zum Auftakt
Und so lenkte Petra Hummel, wenn sie eloquent die Titel des
Abends ankündigte, stets einen Teil der Aufmerksamkeit auch auf
die Benachteiligten dieser Erde. Mit der »Fanfare for the common
man« von Aaron Copland markierte die Harmonie Leutesheim den
Start auf ihrem Weg durch Raum und Zeit. »Merkt auf«, donnern
die Pauken und einzelne Blechbläserstimmen stoßen hervor, bis
nach und nach die ganze Fülle des mächtigen Orchesters die Gäste
in der voll besetzten Halle begrüßt hat.
Aus Motiven der russischen Folklore hat Dimitri Kopolewski einen
Galopp zusammengestellt. Im Dialog mit dem Orchester klöppelt
Mike Kleinmann darin in rasendem Tempo über sein Xylophon, bis
die Melodie in leichten Schritten dem Orchester vorauszutanzen
scheint. Dann wieder malt die Harmonie mit warmem Holzbläsersatz
und Willi Karch als Solist am Altsaxophon in erdigen Farben und
der Stimmung des Nordens das feste Gebäude einer norwegischen
Kirche: »Verd Nesland Kyrkje«.
Fremd mutet es an, irgendwie auch unheimlich und bedrohlich, was
Jay Chattaway aus den Kulten nordamerikanischer Indianer
herausgelesen und unter dem Titel »Mazama« für Blasorchester
komponiert hat.
Geräusche wie Windspiele
Für die Harmonie Leutesheim ist es am Samstag das Herzstück des
Abends, auch weil es am besten auszudrücken vermag, was Dieter
Baran vermitteln will: Fremdes annehmen, akzeptieren und
aufnehmen. Trommelschläge! Ferne Gesänge, Geräusche wie
Windspiele, der Ruf der Nachtvögel, mystisches Rasseln und
Rauschen in einem gespenstischen Zauber formen eine Musik, die
über das Hören hinaus fühlbar wird. »Mazama« ist ein Spiel aus
Tempo und Dynamik, ein Netz, mit dem Dieter Baran alle im Saal
einfängt – es ist der »Dream Catcher« des Winterkonzertes.
Und auch danach gönnt der Dirigent dem Orchester keine Erholung.
Mit »El Paso Montanesa« geht es in vier Sätzen spanisch
temperamentvoll durch die Rhythmen »Pasodoble« und »Fandango«,
flammt im tiefen Blech romantisches Feuer.
Israel grüßt mit »Hava Nagila«, dem Volkslied, das seine
Traurigkeit in den Stimmen von Trompete und Klarinette wenige
Takte später hinwegwischt im Wirbel schneller Tanzschritte.
Das Finale des ersten Programmteils begleitet ein kleiner Chor
des Sängerbundes Leutesheim. »Music shall live« bietet einen
gesungenen und gespielten Querschnitt durch bekannte Folksongs
Amerikas, darunter »When the Saints go marching in«.
Nach der Pause widmete sich die Harmonie der modernen
Unterhaltungsmusik, zunächst mit dem Konzertmarsch »Minerva« von
Jan van der Roost und dessen glitzernden Flötenspitzen. Dann
ließen Andre Baran, Christian Moschberger und Marco Ziegler eine
»Trumpet Party« der flinken Zungen steigen. Nach der »Trumpet
Party« die »Garden Party«: Rhythmus pur, stark akzentuierter und
mitreißender Rockjazz.
Eine Zugabe
Selbst eine Dixieland Combo hatte die Harmonie aufzubieten, um
»Tribute to Dixie« in echter Besetzung leisten zu können. »Sweet
Carolina Charleston« und »Highlights from Chess« – Höhepunkte
Schlag auf Schlag, in denen im »Soul Bossa Nova« auch Denis
Baran (Posaune), Mathias Gramlich (Saxophon) und Christian
Moschberger als Solisten brillieren konnten. »And the Angels
sang« sollte am Ende des Programmes stehen, ein
»Weihnachts-Calypso«, munter und harmonisch mitgestaltet
wiederum vom Sängerbund-Chor. Aber natürlich hatten die Musiker
eine Zugabe vorbereitet, die mehr war als ein braves Anhängsel:
»Dona nobis pacem«, im Arrangement von Ted Huggens. Hier
ernteten Andre Baran und Christian Moschberger für ihre
Trompetenkadenz den besonderen Beifall eines mit Fug und Recht
begeisterten Publikums.
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