|
Musikverein Leutesheim
»Programmzug« riss alle mit - Dieter
Baran und
die »Harmonie« überzeugten mit Klassik und Pop
von Kurt Bayer
Kehl-Leutesheim.
Groß war das Jahreskonzert des Musikvereines »Harmonie«
Leutesheim in jeder Hinsicht: Die Bühne war angebaut und
vollbesetzt mit Musikern, die Instrumentalsolisten Frederic
Belli und Jaro Baran musizierten mit faszinierender, manchmal
atemberaubender Virtuosität, das Programm hatte ein sehr hohes
Niveau und einen großen Umfang, die elektronische Ausstattung
der Bühne mit Farbstrahlern und Computerbildern war sehr
aufwendig.
Auf der Bühne schien Dirigent Dieter Baran, der 15 mitreißende
Pop-Arrangements des zweiten Konzertteils selbst geschrieben
hat. eine unbändige Energie zu besitzen. Er malte mit seinem
Orchester in kräftigen Farben, kreierte eine kunstvolle
Rhythmusvielfalt und freute sich, wenn auf diese Weise
aufreizende Tonbilder erstaunen ließen. Das Publikum wurde von
der Begeisterung mitgerissen, mit der die Musiker musizierten.
In zwei Teile getrennt
Das Programm fasste den klassischen Part unter »Solo extrem« mit
Frederic und Jaro, den Pop-Teil unter »Disco, Pop und Rock und
Glamour und Light Show« zusammen.
Mit einem Klang-Fanal fuhr der »Programmzug« los. Ferrer Ferran,
1966 in Valencia in geboren, schrieb mit „The bon e paiporta“
ein dreisätziges, modernes Solokonzert für Posaune, das sich dem
spanischen Kulturraum, aber auch den Formen klassischer Musik
verpflichtet fühlt.
Solist Frederic Belli, Soloposaunist des SWR-Sinfonieorchesters,
erfüllte die Erwartungen, die seinem Ruf vorausgingen, mit
Bravour. Man konnte nicht nur schnelle Tonfolgen bewundern, man
genoss auch den Ton, der je nach musikalischer Diktion warmen,
kühlen, durchdringenden oder zarten Charakter annehmen konnte.
Ferrans Musik prägten »schräge Harmonien«, sie wirkten teilweise
übermütig frech und die komplizierte Rhythmik forciert eckig.
Doch überwog schließlich der Eindruck, dass hier vor allem der
Solist, aber auch die Musikkapelle mit großer musikalischer
Leistung zeitnahe ungestüme Lebensfreude erzeugten.
Jaro Baran agierte mit vier Schlegeln gleichzeitig an der langen
doppelten Tonstabreihe entlang, alle Noten auswendig im Kopf,
für einen Blick auf ein Notenblatt blieb keine Zeit. Im ersten
Satz erinnerten die Holz-Röhrenklänge an Sturzbäche von Wasser,
der zweite Satz hatte europäisch modale Klangstrukturen, im
dritten Satz hörte man Dudelsack-Anklänge, eine bravouröse
Solo-Kadenz, und große Arpeggien, die den Effekt der klingenden
Holzstäbe steigerten zu einem exotischen Musikzauber.
Bei »The Blue Bells of Scotland« von Arthur Willard Pryor
(amerikanischer Posaunenvirtuose) sorgte das Orchester wieder
für die floreszierenden Farbtupfer im Hintergrund, Solist
Frederic Belli für eine singende Posaune, die ihr Tempo bis in
atemberaubende Artistik steigerte.
Im »Disco«-Teil änderte sich die Atmosphäre grundlegend: Die
farbigen Scheinwerfer und Lichtspiele traten in Aktion, die
elektronische Verstärkeranlage wurde eingeschaltet, die Musiker
änderten ihr Outfit. Hans Müller führte mit launigen Worten
durch die 80er und 90er Musikjahre..
Das Orchester spielte Titel von John Miles, The Beach Boys,
Chicago, Nena, Herbert Grönemeyer und anderen. Zweifellos hatte
Dieter Baran die Fantasie und das Gespür, wie man eine Musik,
die ursprünglich weit weg von der Blasmusik angesiedelt war, auf
eben diese Klangwelt übertragen konnte.
Es machte ihm offensichtlich Freude, mit dem vorgegebenen
Tonmaterial frei zu experimentieren, um einen organischen
Bläsersatz entstehen zu lassen, und es gelang ihm gleichzeitig
das Original so zu berücksichtigen, dass es für den Hörer
präsent war.
Er nutze auch die Möglichkeit Solisten einzubauen. Beim
Rosenstolz-Titel »Ich bin ich« nutzte Bettina Karch gekonnt die
Möglichkeit, den Gesangstil dieses Liedes nachzugestalten. Die
Beatlesmelodie von »Yesterday« erhielt im Fagott (Jan Niklas
Doll) und durch die Oboe (Simon Doll) eine sehr warme, sinnliche
Ausdeutung.

Nicht nur Posauensolist Frederic Belli erfüllte die Erwartungen
des Publikums, auch die Musikkapelle »Harmonie« überzeugte mit
einem hohen Niveau.
|