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Ev. Kirchengemeinde Leutesheim

Die Leutesheimer Glocken sind erst 36 Jahre alt

Kehl-Leutesheim (pr). Gutachten der Landeskirche bescherte den Leutesheimern in den sechziger Jahren ziemlich überraschend neue Glocken

Wenn in Leutesheim abends um sieben die Glocken läuten, ist wohl in den meisten Fällen Uhrenvergleich angesagt - mehr nicht. "Früher war das Gebimmel für uns Kinder das Signal, so schnell wie möglich nach Hause zu gehen", erinnerte sich Dieter Zimmer dieser Tage auf dem Weg zum Fototermin auf dem Litzmer Glockenturm. Ab sieben sei der "Bott" durchs Dorf geradelt und wäre seiner Pflicht als Dorfpolizist mit ziemlicher Strenge nachgekommen, "Kinder hatten dann nichts mehr auf den Straßen verloren, was letztendlich fast immer ein aufregendes Versteckspiel zur Folge hatte", grinste das heutige Kirchengemeinderatsmitglied. "Heute scheren sich die Kinder um das Geläut nicht mehr", bedauerte Kircherdienerin Hildegard Lehr, "die Jugend treibt sich manchmal bis nachts um zwei auf den Straßen rum. Das ist nicht in Ordnung." Und Pfarrerin Ulrike Schneider-Harpprecht erklärt, worum es beim Abendgeläut eigentlich geht: "Die Glocken sollen an das Beten erinnern."

Über die zunächst störrische Zugtreppe geht´s von der Empore auf den Dachboden. Alte Holzstufen führen schließlich zum engen Turm.
 
Die drei Leutesheimer Kirchenglocken sind erst 36 Jahre alt. Am 9. Mai 1965 wurden das Geläut mit einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht. Die Vorgänger aus dem Jahre 1922 überlebten den Zweiten Weltkrieg, weil sie zur Herstellung von Patronenhülsen nicht geeignet waren.

Eine der alten Glocken aus dem Jahre 1922 steht im Leutesheimer Pfarrhausgarten.

Zu den neuen Glocken kam man in Leutesheim in den sechziger Jahren durch ein Gutachten des Sachverständigen Rumpf von der Landeskirche. Eigentlich wollten die Leutesheimer lediglich die mittlere Glocke ersetzten lassen. Sie hatte einen Riss und man ließ sie schweißen. Doch nach einiger Zeit wurde sie wieder schadhaft. Der Sachverständige schrieb in seinem Gutachten: "Abgesehen davon, dass die plumpen und ungefügen Gussstücke tonlich unzureichend sind, ist der Klang blechern, dumpf und in den Schlagtönen völlig verschoben. Alle Glocken zeigen starken Rostansatz und es erklingt vom Turm nur ein düftiges, schettriges Geläut", zitierte der frühere Leutesheimer Pfarrer Ulrich Schüz in "Leutesheim - ein Dorf im Hanauerland und seine Kirche".

"Sein Gutachten mag die Leutesheimer verwundert haben, denn so schlecht fanden sie ihre Glocken nicht", fügte Ulrich Schüz an. Rumpfs Empfehlung zur Erneuerung trifft in "Litze" freilich auf offene Ohren. Für die Finanzierung ruft die Kirche zur Spendenaktion im Dorf auf. Es gilt 12.000 Mark aufzubringen. Pfarrer Ewald Aschmoneit ist der Motor des Vorhabens. Das Rundschreiben an die rund 1.200 Gemeindeglieder versprach eine Dankesurkunde und gab der Erwartung Ausdruck, dass jeder zehn Mark geben möge. Das Dekanat Rheinbischofsheim setzte eine Bezirkskollekte fest, die zusätzlich 1.350 Mark einbrachte. Damit war die Finanzierung gesichert. Im September 1964 werden die neuen Glocken bei der Karlsruher Firma Bachert in Auftrag gegeben. Es sind Dur-Glocken mit einem Gewicht von jeweils 241, 422 und 712 Kilogramm Ausführlich befasst man sich in Leutesheim mit den Namen für die Glocken, den Symbolen und Inschriften, die sie tragen sollen.

"Pfarrer Aschmoneit bewies auch in dieser Sache sein Allroundtalent und ist vorausmarschiert", erinnerte sich der heute 89-jährige Hermann Gerhardt aus Leutesheim. Er und die anderen Kirchengemeinderatmitglieder seien in dieser Hinsicht doch ziemliche Laien gewesen. Die große Friedensglocke trägt das Dreieinigkeitssymbol und die Gravur "EHRE SEI DEM VATER UND DEM SOHN UND DEM HEILIGEN GEIST". Auf der mittleren Lebensglocke steht " ICH BIN DER WEINSTOCK, IHR SEID DIE REBEN". Die kleinste Glocke ist die Ewigkeitsglocke mit der Inschrift "ICH LEBE UND IHR SOLLT AUCH LEBEN".

Am 26. Februar 1965 findet der Guss in Karlsruhe statt. Die Leutesheimer Delegation besteht aus 15 Gemeindegliedern, inklusive Bürgermeister Wilhelm Heidt, und einer Schulklasse mit 25 Kindern. Nachdem die weißglühende Glockenspeise in die Formen geflossen war, sprach Pfarrer Ewald Aschmoneit ein feierliches Gebet. Am Karsamstag werden die drei Glocken mit dem Lastwagen der Leutesheimer Firma Jaeniche abgeholt und in feierlichem Zug vom Friedhof durch die Hauptstraße zur Kirche geleitet. Alles ist generalstabsmäßig geplant, "es gab keine Pannen", erinnerte sich Hermann Gerhardt.

Das Gutachten des Glockenprüfungsamtes bescheinigt, dass das Geläut sehr gelungen ist. "In ihrem Zusammenklang ergeben die Glocken einen wohl selten gewählten, aber immerhin in diesem Fall reibungslos geglückten Dur-Dreiklang von schöner Harmonie", heißt es in dem Gutachten. Die Glocken haben die Töne fis´- ais´- cis`` und damit einen fröhlichen Dur-Akkord.


Dieter Zimmer vom Kirchengemeinderat erklärt Pfarrerin Ulrike Schneider-Harpprecht wie das Geläut funktioniert.



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Aktives Dorf Leutesheim, September 2001