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Grundschule Leutesheim
Emilia Seppänen zu Gast in der
Leutesheimer Schule: »An das ›Sie‹ musste ich mich erst
gewöhnen«

Foto:
Antje Ritzert
Noch bis März assistiert Emilia Seppänen aus Finnland an der
Leutesheimer Grundschule. Die Begeisterung der Deutschen für das
finnische Schulsystem kann sie nachvollziehen, sie sieht aber
auch bei ihrem Heimatland noch Nachholbedarf.
Von Antje
Ritzert
Kehl-Leutesheim. Seit
September unterstützt Emilia Seppänen den Unterricht in der
Leutesheimer Außenklasse. Die 26-jährige Finnin nimmt am
Comenius-Programm teil, ein von der EU ins Leben gerufenes
Projekt, das den grenzübergreifenden Austausch von Lehrern
innerhalb der Union fördert. Die Kehler Zeitung hat sie zu ihren
ersten Eindrücken im Gastland befragt.
Frau Seppänen, die Deutschen schielen immer neidisch auf
das finnische Schulsystem. Für sie ist es das beste der Welt.
Für Sie auch?
EMILIA SEPPÄNEN: Es ist
natürlich sehr gut. Aber die Gefahr, sich als „Gewinner“ der
PISA-Tests zufrieden zurückzulehnen und sich auf den Ergebnissen
auszuruhen, ist groß. Auch bei uns gibt es noch
Entwicklungspotential.
Welche Unterschiede zum deutschen System haben Sie schon
feststellen können?
SEPPÄNEN: Da gibt es
zunächst einmal den großen Strukturunterschied: In Finnland
gehen die Kinder bis zur neunten Klasse in eine
Gemeinschaftsschule. Der Umgang zwischen Lehrern und Schülern
ist bei uns auch nicht so formal, wir duzen uns alle und reden
uns mit Vornamen an. Hier müssen mich die Kinder mit „Frau
Seppänen“ ansprechen, daran musste ich mich erst einmal
gewöhnen. Und noch einen Unterschied gibt es: Die Lehrer
genießen bei uns mehr Vertrauen. Dass sich jemand vom Schulamt
hinten in die Klasse reinsetzt und hospitiert, so etwas gibt es
bei uns schon lange nicht mehr.
Und das allein reicht, dass die finnischen Kinder bei den
PISA-Tests so viel besser abschneiden als die deutschen?
SEPPÄNEN: Ich glaube eher,
dass das vor allem mit der Gemeinschaftsschule zu tun hat.
Dadurch gibt es keine großen Wissensunterschiede zwischen den
Kindern. In Deutschland geht die Schere durch die frühe Trennung
in die verschiedenen Schulen weiter auseinander. In Finnland
haben wir auch Sonderlehrer, die keine eigene Klasse haben,
sondern mehreren Klassen oder sogar der gesamten Schule für
lernschwache Kinder zur Verfügung stehen. Außerdem gibt es
Assistenten, das sind keine richtigen Lehrer, sondern Pädagogen,
die die Lehrer im Unterricht unterstützen. Zwei Erwachsene in
einer Klasse, das habe ich – abgesehen von meinem Fall – in
Deutschland noch nicht gesehen.
Gibt es denn überhaupt irgend etwas, das sich die Finnen
in Sachen Schulbildung von den Deutschen abgucken können?
SEPPÄNEN: Oh ja. In der
Klasse zum Beispiel, in der ich jetzt bin, also in der
Außenklasse der Astrid-Lindgren-Schule für Geistigbehinderte,
kooperieren wir ganz stark mit den gleichaltrigen Kindern der
normalen Klasse. Wir machen gemeinsam Musik oder
Kunstunterricht, manchmal auch Sport zusammen. Ich finde, das
ist genau der richtige Ansatz, um die Kinder der Außenklasse
wirklich zu integrieren. Auf diese Weise kann man auch viel
flexibler auf die Bedürfnisse der Schüler reagieren, manche aus
unserer Klasse sind zum Beispiel schon so weit, dass sie zum
Deutsch- oder Matheunterricht in die normale Klasse gehen. In
Finnland sieht das eher so aus, dass zwar die Behinderten in
eine normale Schule gehen, räumlich aber getrennt sind. Da finde
ich die Integration, wie sie hier stattfindet, viel besser.
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